Meran, 12. Juni 2008
Ebadis Auftritt in Meran
beim Eröffnungstag des I. Internationalen Frauenmuseumskongresses
Großes Interesse für den Vortrag der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Chancengleichheit und Demokratie im Mittelpunkt der Ausführungen, und die Ablehnung der US-Einmischungen im Nahen Osten.
Im voll belegten Meraner Kursaal war Spannung zu spüren für die Worte der Menschenrechtsaktivistin und muslimischen Vorkämpferin für die Rechte von Frauen Shirin Ebadi. Die Friedensnobelpreisträgerin spricht nur Persisch und wird während ihres Aufenthalts in Südtirol von ihrer italienischen Dolmetscherin, der seit 28 Jahren in Rom lebenden Iranerin Ella Mohammadi auf Schritt und Tritt begleitet.
Während ihres Vortrags sprach sie von der Last der zahlreichen Opfer von Terrorismus und Despotismus im Nahen Osten – über eine Million Tote in den letzten Jahren. Sie sprach von der Abwesenheit von Demokratie im eigenen Land, im Iran, von den vielen Menschenrechtsverletzungen, vor allem jener von Frauen, von den Methoden des Regimes Unangenehmes auszublenden oder auszumerzen.
Aber sie sprach auch davon, wie sehr die Zivilbevölkerung unter der jetzigen Regierung leide, wie wenig sie hinter ihrer Führungsspitze stehe und wie ungerecht wirtschaftliche Sanktionen des Westens seien: da sie nicht die Mächtigen, sondern die Bevölkerung treffen, die täglich verarme. Wut war in ihren Ausführungen zu spüren, wenn sie von den verheerenden Folgen der US-Politik im Nahen Osten sprach, von den Folgen dieser Einmischungen auf den Alltag, vom berechtigten Groll der IranerInnen, aber auch der IrakerInnen und Nachbarsregionen, vor allem der Jugend, gegenüber den sich immer mehr als Feind abzeichnenden USA. Für einen bleibenden Frieden und eine Abkehr vom islamischen Fundamentalismus in der Region sehe sie nur folgende Möglichkeiten:
die dringende Lösung des Konflikts Israel-Palästina, den Abzug der US-Truppen aus dem gesamten Nahen Osten, das Ende der gefährlichen Waffen-Allianzen und ökonomisch-politischen Einmischungen von außen.
In der Frauenfrage beteuerte sie, dass Religion in den meisten Fällen dazu missbraucht werde, um Patriarchat zu legitimieren und am Status Quo festzuhalten.
Eine korrekte Auslegung des Islams fördere die Chancengleichheit und behindere sie nicht. Sie sprach vom hohen Bildungsgrad der Iranerinnen und ihren geringeren Berufschancen in qualifizierten Berufen und Positionen, vom schwierigen Frauenalltag und den vielen Beispielen von Diskriminierung im Gesetz (als Ergebnis der islamischen Revolution). A
ber auch von den kleinen Erfolgen im Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten. Dabei erwähnte sie einige Kampagnen und Protestaktionen iranischer Frauen, die über die Frauensolidarität aus dem Ausland bekannt geworden sind, darunter die Unterschriftensammlung
„Eine Million Unterschriften zur Änderung der Frauen diskriminierenden Gesetze“
2006 fand in Teheran auf dem „Hafte Tir-Platz“ eine Protestkundgebung statt, die sich gegen frauenfeindliche Gesetze richtete. Die dort getroffene Resolution wird mit großen Bemühungen von Frauenaktivistinnen umgesetzt. Ziel ist es, eine Million Unterschriften zu sammeln, um diese Gesetze zu ändern. Einige der Aktivisten/innen landeten aufgrund ihres Einsatzes im Gefängnis;
Gestern sammelte Amnesty International im Kurhaus eifrig Unterschriften für diese Kampagne mit. Shirin Ebadi ist eine der wichtigsten Unterstützerinnen dieses Kampfes. Eine ihrer Mitstreiterinnen, Mansoureh Shojaie, die Leiterin der Frauenbibliothek in Teheran (www.womenlibraryir.com), wurde an der Ausreise gehindert, nachdem sie in diesem Sinne tätig geworden war. Sie wollte gemeinsam mit Ebadi am Meraner Frauenmuseumskongress teilnehmen, erhielt aber wenige Tage vor der Abreise kein Visum.
Gefragt nach den Möglichkeiten von Frauen aus dem Westen, Iranerinnen zu unterstützen, meinte Ebadi, es sei wichtig, immer wieder Informationen zirkulieren zu lassen, die Öffentlichkeit aufzurütteln und Iranerinnen auch durch ausländische Auszeichnungen “unter Schutz zu stellen”.